Leseprobe „Cocktails & allerlei prickelnde Momente“

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1.Kapitel
Bauchgefühle

Der parkähnlich angelegte Garten der Familie Hansen wurde mit einer fantastischen Beleuchtung in Szene gesetzt und ließ noch mehr Raum für weitere Emotionen. Es war ein wunderschöner Sommerabend, den keiner der zahlreichen Gäste so schnell vergessen wird.

Schon bei der Zeremonie am Nachmittag konnten insbesondere die weiblichen Familienmitglieder ihre Rührung kaum zurückhalten. Nach einem überaus turbulenten Jahr gab der Junior der Familie seiner großen Liebe das JA-Wort. Jonas Hansen heiratete in einer der fünf Hauptkirchen der Hansestadt seine Sophie. St.Michaelis ist ohne Zweifel eine der schönsten Barockkirchen und war für das Brautpaar ohne Frage die allererste Wahl.

Eingerahmt zwischen den 6 jährigen Zwillingen Sara und Lina tappte der kleine Sohn des Paares nach der Trauung vor seinen Eltern zum Ausgang der Kirche. Sam war jetzt knapp 16 Monate alt und meisterte seine Aufgabe als Blumenkind souverän. Die knapp 200 Gäste folgten dem frisch vermählten Paar vor die Kirche, damit der Fotograf die ganze Gesellschaft für das obligatorische Hochzeitsfoto ablichten konnte.

Von dem imposanten Gebäude aus waren es nur wenige Minuten bis zu den Landungsbrücken, wo bereits zahlreiche Barkassen lagen, um die Gäste nach der geplanten kleinen Hafenrundfahrt bis zu einem kleinen Anleger an der Elbe zu fahren. Dort wiederum warteten diverse Limousinen, die Familie und Freunde des Paares zum Anwesen der Familie Hansen brachen, wo nun seit Stunden das große Hochzeitsbankett stattfand.

„Bist du glücklich, Sophie?“ Eigentlich brauchte Matti diese Frage gar nicht stellen, denn man sah der Braut an, dass sie mehr als glücklich war. Er bewegte sich elegant mit der Frau seines besten Freundes auf der Tanzfläche und sah in ihr strahlendes Gesicht. Wer hätte gedacht, dass das Drama um Jonas und Sophie einen so grandiosen Abschluss fand?

„Ja, bin ich“, sagte Sophie. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr. Es gab eine Zeit, in der ich mir so gewünscht habe, diesen Tag zu erleben und doch schien er unerreichbar. Danke, Matti.“ Sophie küsste ihn auf die Wange und ihre Augen leuchteten.

„Wofür bedankst du dich?“ Matti sah Sophie etwas verwirrt an.

„Ich weiß genau, welchen Einfluss du auf Jonas hast. Selbst mir hast du die Augen geöffnet.“ Matti erinnerte sich an die vielen Gespräche mit Jonas und die besagte Autofahrt mit Sophie. Danach, so schien es, entspannte sich die Situation zwischen den beiden deutlich.

„Gern geschehen. War ja für einen guten Zweck.“ Er grinste. Was haben die beiden sich schwergetan. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie man so schön sagt und jeder konnte es sehen. Doch durch Missverständnisse, widrige Umstände, mangelndes Vertrauen und Angst vor Verletzungen haben Jonas und Sophie ihre Liebe fast verloren. Aber zum Glück nur fast.

Das Lied war zu Ende und Matti begleitete Sophie zurück zum Tisch. „Ich hatte schon Sorge, du entführst die Braut!“ Jonas küsste seine Frau und zwinkerte ihr zu.

„Man soll das Schicksal nicht herausfordern. Ich werde mich hüten, irgendetwas zu tun, was euer Glück ins Wanken geraten lässt. Da ihr ja jetzt hoffentlich kein weiteres Drama anzettelt, habe ich endlich wieder Zeit, mich um mein eigenes Leben zu kümmern.“

„Als hätte dich jemand davon abhalten können, deinen Spaß zu haben.“ Jonas lachte und folgte Mattis Blick. Er scannte bereits die Gäste. Nach seinen erfolgreich erledigten Pflichten als Trauzeuge, konnte er sich nun auf sein persönliches Vergnügen konzentrieren.

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Hannah trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Sie wollte sich ein paar Tage Auszeit gönnen. Nach ihrem Abschluss in Wirtschaftsrecht standen ihr einige stressige Auswahlverfahren in verschiedenen Unternehmen bevor. Sie hasste diese Art der Einstellungstests. Doch davon wollte sie sich ihre Laune jetzt nicht verderben lassen. Sie fuhr zum Bruder ihrer Mutter an die Ostsee. Hier konnte sie schon immer gut abschalten und ihr Geldbeutel dankte es ihr. Das Studium hatte wegen finanzieller Engpässe länger gedauert als erhofft. Ihre Eltern konnten nicht sehr viel beisteuern, auch wenn sie es gern getan hätten. Neben dem Lernen zu arbeiten bedeutete eben auch, dass Zeit ein kostbares Gut wurde und Geld einen ganz anderen Wert bekam.

Als der Zug im Hauptbahnhof einfuhr atmete sie tief durch und ein Lächeln legte sich automatisch auf ihre Lippen. Andreas und Jutta hatte sie seit letztem Sommer nicht mehr gesehen. Die beiden vermieten zwei Ferienwohnungen in ihrem Haus am Strand und zu Hannahs Glück war die kleinere übers Wochenende nicht belegt. So hatte sie spontan die Einladung ihrer Tante angenommen, ein Ticket gekauft und war nun auf dem Weg mit dem Regionalexpress nach Kiel.

Am Bahnsteig wurde sie schon von Andreas erwartet, der mit auffälligen Armbewegungen auf sich aufmerksam machte. Er war ein Baum von einem Mann und man konnte ihn eigentlich kaum übersehen.

„Glaubst du, ich wäre an dir vorbeigelaufen?“ Hannah schüttelte den Kopf und lachte in seiner Umarmung.

„Wir haben uns ewig nicht gesehen, wer weiß …“ Er nahm ihr die Tasche ab und schob seine Nichte zum Ausgang, Richtung Parkhaus. „Erzähl, alles in Ordnung zu Hause?“ Andreas und Jutta machten sich immer Sorgen. Hannahs Bruder Eric war nicht einfach. Es gab Phasen, in denen er pflegeleicht war, aber in der Mehrzahl der Tage kostete er seinen Eltern sämtliche Energie.

„Im Moment geht es. Eric arbeitet in den Werkstätten und soll endlich einen Platz in einer betreuten WG bekommen. Für Mama und Papa wäre das eine enorme Entlastung.“

„Hm.“ Andreas brummte nur. Er glaubte das erst, wenn Eric wirklich umgezogen war. Es gab schon so viele Optionen und alle hatte sein Neffe mit fadenscheinigen Ausreden verstreichen lassen.

Die Fahrt nach Kantrup verging schnell und Jutta wartete bereits mit selbstgebackenem Streuselkuchen. In gemütlicher Runde plauschten sie über den Uni-Abschluss, die anstehende Jobsuche und Jutta gab die neuesten Anekdoten von den Feriengästen zum Besten. Nachdem Hannah ihre Bleibe bezogen hatte, machte sie sich auf den Weg zum Strand. Es dämmerte schon, aber das hielt sie nicht davon ab, noch einen Spaziergang zu machen. Schwungvoll kam sie die Treppe hinunter und schnappte sich ihre Jacke.

„Vergiss den Schlüssel zur Wohnung nicht und schlaf nachher gut“, rief Jutta. „Wir sehen uns zum Frühstück. Acht Uhr?“

„Sicher, du weißt, dass ich Frühaufsteherin bin.“ Hannah winkte ihrer Tante zum Abschied und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

Draußen atmete sie erstmal tief ein. Die Luft war hier so viel anders als in Hamburg. Der Weg zum Strand war nicht weit. Ein paar Meter hinter dem Haus verlief ein Pfad, der direkt zu den Dünen führte. Als Hannah das Rauschen der Wellen hörte, spürte sie eine gewisse Zufriedenheit in sich aufkommen und von diesem Moment an konnte sie ihre freien Tage genießen.

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„Was hast du heute vor?“, fragte Andreas nach dem Frühstück. Er hatte Spätschicht in einer Reha-Klinik ganz in der Nähe und musste erst gegen Mittag los. Die Sonne schien und ein leichter Westwind hielt die Luft in Bewegung. In der Stadt würde man es wahrscheinlich wieder mal kaum aushalten können.

„Was wohl. Zuerst besuche ich Jenny und dann gehe ich natürlich an den Strand.“ Hannah kannte Jenny schon von klein auf und wann immer sie in Kantrup war, besuchte sie ihre Freundin. Diese arbeitete in einem Buchladen im Nachbarort. Ihr Arbeitsplatz war der Beste überhaupt. Nicht nur, dass sie den ganzen Tag mit Büchern zu tun hatte, nein, der Standort des Ladens lag genau gegenüber vom Strand. Der Ausblick war unbezahlbar.

„Hannah“, kreischte Jenny, als sie ihre Freundin in den Laden kommen sah. Der einzige Kunde im Laden schaute sich verwundert um, wobei er amüsiert lächelte. Genau diese Unbekümmertheit mochte er bei den Menschen in diesem Landstrich. Man sagte den Norddeutschen immer eine gewisse Distanziertheit nach, kühl und reserviert. Aber wenn man sich die Mühe machte, sie besser kennenzulernen, wurde man vom Gegenteil überzeugt. Die Bewohner des nördlichsten Bundeslandes waren längst nicht so verschlossen, wie allgemein vermutet. Vielleicht waren sie einfach nur vorsichtiger und trugen ihr Inneres nicht all zu offen zur Schau.

Die beiden Frauen umarmten sich überschwänglich und taten das, was alle weiblichen Wesen auf diesem Planeten machten, wenn sie sich lange Zeit nicht gesehen haben: Reden, Reden, Reden.

„Endschuldigung, ich möchte Ihre Wiedersehensfreude ja nicht stören, aber könnte ich dieses Buch bezahlen?“ Matti grinste belustigt, als Jenny und Hannah abrupt die Köpfe in seine Richtung drehten, wobei Jennys Gesichtsfarbe ein tiefes Rot annahm.

„Oh, ja sicher. Es tut mir sehr leid.“ Zum Glück war Jennys Chef heute Morgen nicht da. Private Gespräche während der Arbeitszeit tolerierte er überhaupt nicht. „Soll ich es einpacken?“

„Danke, ist nicht nötig.“

Hannah hatte sich ein wenig zurückgezogen und beobachtete den durchaus gut aussehenden Mann, der gerade seine Kreditkarte über den Ladentisch schob. Seine leuchtenden Augen und der Dreitagebart ließen ihn leicht verwegen wirken, als wäre er mit Photoshop bearbeitet worden. Er sah einfach zum niederknien aus. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um ihn nicht fortwährend anzustarren.

Was tue ich denn hier?, fragte sie sich und schüttelte unmerklich den Kopf. In diesem Augenblick schaute er genau in ihre Richtung und musterte sie. Mit einem Funkeln in den Augen, das ausdrückte, dass er genau wusste, was sie dachte, verließ er den Laden und das Klingeln der Türglocke dröhnte in Hannahs Ohren. Sofort war sie wieder im Hier und Jetzt.

„Was ist denn mit dir los? Du müsstest mal dein Gesicht sehen!“ Jenny schaute ihre Freundin an und wunderte sich doch sehr. Hannah war eigentlich nicht der Typ Frau, der sofort hyperventilierte, wenn ein heißer Typ ihren Weg kreuzte.

„Ähm … alles gut … ich weiß auch nicht, was das war“, stotterte Hannah und brachte ihre Freundin zum Lachen.

„Dass ich das noch mal erleben darf.“ Jenny kannte Hannah als sehr zurückhaltend. Gefühle zeigte sie nur sehr zögerlich und das war das Problem. Männer erkannten dies fast nie und deuteten ihr Verhalten daher immer als Desinteresse.

„Also, was machen wir, wenn du Feierabend hast?“ Das Ablenkungsmanöver klappte und der Beschluss, abends in den Beach-Club zu gehen, war schnell gefasst.

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Die Musikauswahl war super und die Cocktails sorgten umgehend für eine sommerliche Urlaubsstimmung. Jenny zog Hannah immer wieder damit auf, dass ihr Ipanema aussah wie aufgewühltes Wasser nach einem Herbststurm über der Ostsee.

„Das liegt nur an der Mischung von Ginger-Ale und Maracujasaft“, konterte Hannah. Sie trank keinen Alkohol. Noch nie. Oft genug hatte sie mit ansehen müssen, was übermäßiger Konsum auf das Nervensystem für eine Wirkung hatte. Also fing sie erst gar nicht an, das Risiko eines Kontrollverlustes einzugehen.

„Lass uns tanzen“, schrie Jenny gegen den lauten Sound an und lief bereits in Richtung Tanzfläche. Schnell fanden beide ihren Rhythmus und ergaben sich voll und ganz der Musik.

„Hey schöne Frau“, hörte Hannah eine raue Stimme an ihrem Ohr säuseln und umgehend legten sich von hinten zwei große Hände grob an ihre Hüften.

„Was soll das“, schrie sie, doch der Schreck ließ ihre Stimme nur halb so selbstbewusst erklingen, wie beabsichtigt. „Lass mich gefälligst los!“

„Ich mag es, wenn Frauen sich zieren, aber in Wirklichkeit willst du es doch auch.“ Was für ein abgedroschener Satz. Der Typ drückte sich noch dichter an Hannah und gab ihr keinen Millimeter Raum. Jenny tanzte mit geschlossenen Augen einige Meter entfernt und bekam von der ganzen Szene nichts mit. Hannah musste allein mit der Situation fertig werden und trat aus purer Verzweiflung mit dem Absatz ihrer High Heels dem Kerl hinter ihr mit voller Wucht auf den rechten Fuß, woraufhin er ihr grob an den Haaren riss und sie wütend anbrüllte.

„So nicht, Süße. Du willst es auf die harte Tour?“ Weiter kam er nicht, denn just in diesem Moment ließ er sie unerwartet los, taumelte zurück und hielt sich die Nase.

Hannah konnte noch nicht wieder klar denken, spürte jedoch, wie sich eine warme, weiche Hand um die ihre schloss und sie von der Tanzfläche gezogen wurde. Wie in Trance ließ sie es trotz des gerade Erlebten zu, dass ein bis dato völlig Fremder über ihr Tun bestimmte.

„Setz dich, bevor du noch umkippst.“ Matti deutete auf den Sessel in der Ecke der Lounge und sah sie besorgt an. Er hatte das Geschehen von hier aus beobachtet und kurz entschlossen eingegriffen. „Möchtest du etwas zu trinken?“ Hannah schüttelte nur den Kopf.

„Danke“, flüsterte sie und Matti nickte nur.

„Möchtest du lieber an die frische Luft, du siehst ganz blass aus.“ Sie schien noch nicht wieder ganz erholt zu sein, was angesichts des Vorfalls auch kein Wunder war. „Lass uns kurz raus gehen.“ Ohne zu zögern, griff er abermals nach ihrer Hand und zog sie mit sich hinaus in die warme Sommerluft.

Aus den Augenwinkeln konnte Hannah Jenny sehen, die große Augen machte und grinsend den Daumen nach oben reckte. Wenn sie nur wüsste, dachte Hannah und wurde langsam wieder ruhiger. In der Nähe von Mr. Unbekannt fühlte sie sich sicher und wagte erst jetzt, ihn richtig anzusehen. Doch das hätte sie lieber nicht machen sollen, denn nun erkannte sie ihn wieder. Er war der Kunde aus dem Buchladen von heute Morgen. Oh, nein. Das war nicht gut. Das war überhaupt nicht gut.

„Ich bin übrigens Matti und wie heißt du?“ Sofort begann wieder dieses Zittern, das sich gerade etwas gelegt hatte. Diesmal jedoch aus einem völlig anderen Grund.

„Hannah, mein Name ist Hannah“, brachte sie halbwegs normal heraus. Matti hielt weiter ihre Hand und Hannah fühlte sich in der Nähe des Fremden irgendwie sicher. War das normal nach ihrer kürzlich gemachten Erfahrung? Sie wusste es nicht und beschloss weiter vorsichtig zu sein. Nach ein paar Metern fiel ihr auf, dass sie auf die Promenade zusteuerten. Es war ein lauer Sommerabend und noch etliche Passanten unterwegs. Also sicheres Terrain.

„Wollen wir uns ein bisschen hinsetzten? Da hinten stehen immer ein paar Strandkörbe?“ Matti wollte Hannah aus der Schusslinie des durchgeknallten Typen haben. Solche Kaliber konnten mit Zurückweisungen meist nicht gut umgehen. Er gab ihr mit einer Alternative aber die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. „Oder möchtest du gern zurückgehen?“ Hannah sah ihn nachdenklich an, bevor sie antwortete. Das Hin und Her ihrer Gedanken ließ sich deutlich in ihren Augen ablesen.

„Nein, ist in Ordnung. Ich glaube, mir ist der Spaß vergangen.“ Sie lächelte scheu und zuckte mit den Schultern. „Ich sollte meiner Freundin nur Bescheid geben, dass ich nicht mehr zurückkommen werde.“ Jenny antworte umgehend mit einem Smiley und schrieb, dass sie zwei ehemalige Schulfreundinnen getroffen hat, also alles kein Problem. Hannah sollte sich nur am nächsten Tag bei ihr melden. Nachdem sie ihr Handy weggesteckt hatte, sah sie Matti neugierig an.

„Was ist?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.

„Na ja, du kennst mich nicht und hast mir trotzdem geholfen. Jetzt sitzt du hier, mit mir, anstatt im Club einen netten Abend zu verbringen.“

„Wer sagt, dass ich keinen netten Abend haben werde?“ Hannah versteifte sich bei seinen Worten und Matti bereute seine unsensible Wortwahl sofort. „Entschuldige, so war das nicht gemeint. Ich hasse Typen, die Frauen als Freiwild sehen, noch dazu so hübsche.“ Hannah wollte etwas erwidern, aber Matti war schneller. „Das ist mir heute Morgen schon aufgefallen.“ Er zwinkerte ihr zu und redete weiter. „Und das mit dem nicht kennen, kann man ändern. Wo kommst du her, Hannah?“

„Hamburg.“ Sie überlegte und entschloss sich, ihre Angespanntheit abzulegen und einfach nett mit Matti zu plaudern. Was soll schon groß passieren? „Ich gönne mir noch ein paar freie Tage, bevor es mit der Jobsuche ernst wird. Ich habe gerade meinen Uni-Abschluss in der Tasche. Also bin ich übers Wochenende hier und tanke noch ein wenig Kraft für die kommenden Wochen.“

„In welcher Branche willst du es versuchen?“, hakte Matti nach.

„Keine Ahnung. Ich bin froh, wenn ich nach dem Studium überhaupt etwas finde, daher lege ich mich noch nicht fest. In der nächsten Zeit muss ich erstmal diverse Auswahlverfahren über mich ergehen lassen.“ Hannah verzog bei ihren letzten Worten so das Gesicht, als hätte sie ungeheuer starke Schmerzen. Matti lachte.

„Scheint nicht dein Traum zu sein. Aber die Unternehmen können bei ausgefeilten Tests sehr gut herausfiltern, wer für offene Stellen geeignet zu sein scheint und wer nicht.“ Hannah hielt dagegen.

„Eben. ›Zu sein scheint‹ heißt, sie wissen es auch nicht genau. Also warum quälen sie einen mit blödsinnigen Tests dann so?“ Sie redete sich regelrecht in Rage. „Warst du denn schon mal bei solchen Auswahlverfahren dabei?“ Matti überlegte kurz und musterte Hannah, bevor er antwortete.

„Ja, bei einigen war ich schon dabei. Ich fand sie im Nachhinein immer ganz aussagekräftig.“ Er versuchte seine leichte Anspannung zu überspielen und räusperte sich. „Soll ich uns was zu trinken holen?“ Mit einer Handbewegung deutete er auf einen kleinen Kiosk gegenüber. Hannah nickte. „Eine Flasche Wein oder lieber Bier?“

„Cola oder Wasser, bitte. Ich trinke keinen Alkohol.“ Für einen Moment stutzte Matti, dann ging er hinüber und holte zwei Flaschen Cola.

„Also, was gefällt dir an diesen Einstellungsverfahren nicht?“ Hannah sah ihren Gegenüber verwundert an. „Es interessiert mich wirklich.“

„Na gut.“ Warum sie mit einem Mann, den sie kaum eine Stunde kannte, derartige Dinge diskutierte, verwunderte sie zwar, aber störte sie auch nicht weiter. Man konnte gut mit Matti reden und er schien wirklich neugierig zu sein. „Ich bin der Meinung, dass letztendlich sowieso nur aus dem Bauch heraus die Entscheidungen für oder gegen einen Bewerber gefällt werden und wer genügend Vitamin B besitzt, kommt auch weiter, wenn er nicht erstklassig abgeschnitten hat. Als Normalsterblicher hat man da kaum Chancen auf einen guten Job.“

„Also es wird schon versucht, so objektiv wie möglich zu sein. Aber wenn du der Meinung bist, dass es vom Bauchgefühl desjenigen abhängig ist, der die Entscheidung fällt, dann versuch doch, dich darauf zu konzentrieren, dieses Gefühl zu deinen Gunsten zu beeinflussen.“

„Hm … Du meinst, das wäre eine gute Strategie?“

„Warum nicht? Was hast du deiner Ansicht nach zu verlieren?“ Matti schaute sie auffordernd an. Sie hatte ja nicht ganz unrecht mit ihren Vermutungen. „Denk einfach nicht so viel darüber nach, was die anderen denken könnten oder was sie mit ihren Aufgaben herausfinden möchten.“

„Du hast leicht reden. Hast du einen Job, von dem du leben kannst?“ Zeit über ihn zu reden, dachte Hannah. Bisher haben sie sich nur über sie unterhalten, auch wenn es sehr interessant gewesen war. Seine Ansätze musste sie sich in einer ruhigen Minute noch mal durch den Kopf gehen lassen.

„Ich denke schon“, sagte Matti langsam.

„Und wie bist du an den gekommen? Hast du das Bauchgefühl des Chefs überlistet oder war Vitamin B im Spiel?“ Herausfordernd sah sie ihn an. Sie tippte auf Letzteres, obwohl er erzählt hat, dass er schon bei Auswahlverfahren dabei war.

„Beides.“

„Aha. Und du willst mir schlaue Tipps verraten. Ernsthaft?“ Hannah war ein wenig sauer. Sie mochte es nicht, wenn jemand kluge Ratschläge verteilte und selbst nie von denen Gebrauch machte, weil er es gar nicht nötig hatte.

„Hey, ich habe es ernst gemeint. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Ehrlich. Die Beobachter bekommen in den zwei Tagen einen guten Eindruck von den Kandidaten. Die Bewerber können sich kaum verstellen und man bekommt ein gutes Gesamtbild von ihnen.“

„Ich mag die Tests trotzdem nicht“, schmollte Hannah und Matti konnte feststellen, dass sie unheimlich süß dabei aussah. Vielleicht sollte er sie ein wenig ablenken.

„Es ist schon reichlich spät. Wie sieht’s aus? Hast du Lust, morgen mit mir Mittagessen zu gehen? So gegen halb eins?“ Er wollte sie unbedingt wiedersehen. Warum konnte er nicht so genau sagen. Es war ein Bauchgefühl. Bei dem Gedanken zogen sich seine Mundwinkel unwillkürlich nach oben. Bauchgefühl? Sein Bauchgefühl hatte sie bereits zu ihren Gunsten beeinflusst. Na das konnte interessant werden.

„Ich denke schon“, sagte sie zögerlich und war durch Mattis Grinsen abgelenkt. „Wohin willst du gehen?“ Warum grinste er denn so?, fragte sich Hannah ein wenig irritiert.

„Vielleicht sollten wir in die Fischküche gehen. Der Koch ist echt gut.“ Er spürte ihre Verunsicherung und versuchte seine Mimik wieder unter Kontrolle zu bekommen.

„Okay, Fischküche, halb eins.“ Matti stand auf und zog Hannah mit sich.

„Wo wohnst du? Ich bringe dich, nicht dass der Kerl aus dem Club noch irgendwo wartet.“ Die Vorstellung behagte ihm gar nicht.

„Keine zehn Minuten von hier. Das schaff ich schon.“ Hannah hatte sich bereits abgewandt, als sich ein Arm um ihre Taille legte und sie stoppte. Matti stand direkt neben ihr.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich mitten in der Nacht allein losziehen lasse. Keine Chance. Entweder ich bringe dich oder ich rufe ein Taxi.“ Seine Worte ließen keine andere Möglichkeit zu. Also ging Hannah seufzend los, Matti folgte ihr. Diesmal hatte er seine Hände in den Hosentaschen vergraben und Hannah vermisste die Nähe zu Matti, obwohl er an ihrer Seite war. Sie gingen schweigend, aber es schien weder Matti noch Hannah zu stören. Es dauerte nicht mal zehn Minuten, als sie vor dem Haus von Andreas und Jutta ankamen.

„Siehst du, gar nicht so weit. Da sind wir“, sagte Hannah und suchte den Hausschlüssel.

„Gibst du mir deine Handynummer, dann kann ich dich erreichen, falls etwas dazwischenkommen sollte.“

„Könnte denn etwas dazwischenkommen?“

„Ich hoffe doch nicht, aber man weiß ja nie …“ Er ließ den Rest des Satzes offen und sah sie auffordernd an.

„Sag mir mal deine, dann rufe ich dich an und du hast sie gleich auf dem Handy.“ Matti wurde es etwas unbehaglich. Er gab selten seine Nummer weiter. Nur wenige Personen besaßen seine private Handynummer. Normalerweise hatte er die Weitergabe der Nummer unterdrückt. Sie spürte sein Zögern und wurde rot. Hannah hoffte, dass Matti dies im Dunkeln nicht erkennen konnte. „Ich kann meine nicht auswendig, sorry.“ Beschämt sah sie auf ihr Handy. Das Geständnis ließ ihn schmunzeln.

„Warte.“ Er tippte den Code ein und sagte ihr dann seine Nummer. Es überraschte ihn selbst, aber auf irgendeine Art und Weise vertraute er ihr. Ein kurzes Summen zeigte ihm ihre Nummer und er speicherte sie. „Gute Nacht, Hannah.“ Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete Matti sich und Hannah ging mit einem Gefühl ins Haus, das ihr sagte, dass dies trotz allem ein sehr guter Abend war.

hier geht es weiter: Cocktails & allerlei prickelnde Momente: Liebesroman (unexpected love 2)

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