Losglück & wunderbare Irrtümer – Das erste Kapitel

Für alle Neugierigen – hier das erste Kapitel aus meinem neuen Buch
„Losglück & wunderbare Irrtümer“ – ab 13.10.2016 als eBook erhältlich

losglu%c2%a6eck_1000x659pxNur ein Tanz

Jedes Mal das gleiche Theater. Lilly hasste es, sich in Kleidung zu zwängen, die so gar nicht ihrem Stil entsprach. Diese Verwandlungen kosteten sie Kraft. Jemanden darstellen zu müssen, der man im Grunde gar nicht war, widerstrebte ihr zutiefst.

Stunden oder besser Tage bevor es überhaupt losging, war sie schon genervt. Warum konnte sie nicht einfach in Jeans und Pulli bleiben? Es würde sowieso niemand auf sie achten. Also wozu diese ganze Maskerade? Leise vor sich hinfluchend lief sie durch ihr Appartement und versuchte, das Unausweichliche zu akzeptieren.

Selbst während der Arbeit im Büro konnte sie anziehen, was sie wollte. Da nicht die geringste Gefahr bestand, Kunden über den Weg zu laufen, gab es außer Sauberkeit und gepflegtem Auftreten keinerlei Kleidungsvorschriften für die Damen im Schreibpool.

Seit knapp zehn Monaten war Lilly eine von fünf Mitarbeiterinnen hinter den Monitoren. Sie tippten alles, was ihnen via elektronischer Mitteilung vor die Tastatur kam: diverse Firmenpost, Verträge und allerlei Gesprächsprotokolle. Man sah sie nicht, man nahm sie kaum wahr. Nur wenn etwas nicht korrekt dokumentiert worden war, holte ihr Vorgesetzter sie aus ihrer Schreibkammer heraus. Das Büro war tatsächlich nicht mehr als eine Kammer. Der Raum erfüllte wahrscheinlich gerade die Minimalanforderungen, die das Gesetz an einen Arbeitsplatz stellte.

Aber Lilly war froh, sich gegen die Vielzahl der Bewerber um diesen Job durchgesetzt zu haben. Er ermöglichte ihr, die monatliche Miete für das winzige Appartement zu begleichen, Essen und Kleidung zu kaufen. Am Monatsende blieb ihr immer noch eine ansehnliche Summe für den Sparstrumpf, damit sie die Wiederaufnahme ihres Studiums in naher Zukunft würde realisieren können.

 

Sie hatte lange geduscht, um sich wenigstens ein klein wenig zu entspannen. Große Menschenansammlungen lagen ihr nicht. Lilly blieb lieber für sich, ging selten aus und hatte es perfektioniert, anderen einen Gemütszustand vorzugaukeln, den es in Wahrheit gar nicht gab. Nach außen hin war sie die nette, fröhliche Kollegin. Am liebsten jedoch vermied sie unnötige Kontakte. In ihren eigenen vier Wänden musste sie sich nicht verstellen und kein Verhalten an den Tag legen, mit dem sie anderen gefiel. Dieser Zwang, so aufzutreten, dass die Menschen in ihrem Umfeld sie mochten, war sehr tief in ihr verankert. Er brach immer dann an die Oberfläche, wenn sie ihren Mitmenschen gegenüber stand und das unschöne Gefühl in Lilly aufkam, dass man ein ganz bestimmtes Verhalten von ihr erwartete. Und heute war es mal wieder so weit.

Das alljährliche Firmenfest von Meyendahl fand seit eh und je in einem der elegantesten Restaurants Hamburgs statt. Im Ocean musste man Wochen im Voraus buchen, um einen Tisch zu bekommen. Seit Monaten stand der Termin für die Abendveranstaltung fest und sie hatte sich immer wieder erfolgreich vor dem Kauf einer angemessenen Garderobe gedrückt. Es ging ihr dabei weniger um das Geld, sondern vielmehr um den Unsinn, Kleidung zu kaufen, die sie nur an diesem einen Abend tragen würde.

Die Kleiderordnung sah für die Damen ein elegantes Abendkleid vor, was wahrscheinlich viele junge Frauen in Entzücken versetzen würde. Bei Lilly jedoch stellte sich allein bei der Vorstellung ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend ein. Sie hatte sehr lange das Tragen von Kleidern vermieden, fühlte sich in ihnen unwohl. Außerdem empfand sie ihre Figur als nicht gerade vorteilhaft für diese Art der Bekleidung. Man konnte nicht behaupten, dass Lilly dick war, aber Modelmaße hatte sie eben auch nicht.

Das türkisfarbene Cocktailkleid für den heutigen Anlass hatte sie erst vor wenigen Tagen gekauft, ohne dabei jegliches Glücksgefühl zu verspüren. Jetzt hing es an der Tür ihres Kleiderschrankes und Lilly zögerte bis zum letzten Moment, ehe sie seufzend hineinschlüpfte.

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Vor dem Ocean hatten sich schon einige Mitarbeiter versammelt, warteten auf befreundete Kollegen oder nutzten die Chance und tranken einen der verlockend dekorierten Begrüßungsdrinks. Die Kreation des Abends war ein Mandarinen-Lychee-Cocktail auf Proseccobasis. Auf dem Zuckerrand des Glases steckte eine der perlmuttfarbenen exotischen Früchte und bildete einen reizvollen Kontrast zum orangeweißen Inhalt.

Lilly nahm einer jungen Bedienung ein ihr angebotenes Glas ab und lächelte höflich, ein jahrelang antrainierter Reflex. Mit gesenktem Blick schlängelte sie sich an den Wartenden vorbei. Bloß schnell rein, dachte sie, obwohl sie sicher war, dass niemand ihre Anwesenheit wahrnahm. Doch allein das Gefühl, gemustert zu werden, ließ Lilly frösteln.

Beim Eintreten in das alte Backsteingebäude, das früher als Lagerhaus in der renommierten Hamburger Speicherstadt genutzt worden war, musste Lilly sich in eine Gästeliste eintragen.

„Bitte sehr, das ist Ihre Tischnummer.“ Lilly nahm den blauen Zettel entgegen und steckte ihn nach einem flüchtigen Blick auf die zweistellige Zahl in ihre Handtasche. „Den Saalplan mit der Tischanordnung finden Sie seitlich neben den großen Flügeltüren. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Abend.“ Die Mitarbeiterin des Ocean deutete nach rechts.

„Vielen Dank.“ Lilly hoffte sehr, dass sie den einen oder anderen Kollegen kannte oder wenigstens schon einmal gesehen hatte, um nicht ausschließlich von vollkommen Fremden umgeben zu sein.

Im großen Veranstaltungssaal standen unzählige Tische, Ton in Ton dekoriert mit Kerzen und verschieden großen Rebkugeln, diverse Grünpflanzen in riesigen Kübeln und neben der angedachten Tanzfläche richteten sich gerade die Musiker einer jungen Live-Band für die nächsten Stunden ein. Firmenfeiern verführten bekanntermaßen so manchen Mitarbeiter, seine alltägliche, oftmals jobbezogene Reserviertheit für einen Abend zu vergessen.

Lillys Platz befand sich relativ weit weg von einer Bühne, die extra für diesen Anlass aufgebaut worden war. Girlandenartige Anordnungen aus Sommerblumen rankten um das Holzgestell und stellten gut arrangierte Farbtupfer dar.

Ihre Aufmerksamkeit wechselte zurück zum Tisch. Es war für acht Personen eingedeckt: eine Hälfte für männliche Gäste, die andere für weibliche. An diesem Abend wurde offensichtlich nichts dem Zufall überlassen.

„Wir sind nicht so interessant, deswegen sitzen wir so weit hinten.“ Eine groß gewachsene junge Frau gesellte sich zu Lilly und prostete ihr mit dem roten Begrüßungsgetränk zu. „Schickes Kleid, neu?“ Madeleine hatte vor ein paar Wochen kurzzeitig im Schreibpool ausgeholfen, als krankheitsbedingter Notstand herrschte.

„Meinst du?“ Lilly ließ die Frage nach dem Kleid bewusst unkommentiert. Zu beurteilen, ob jemand eine ehrliche Aussage traf oder nur beiläufig Konversation betrieb, fiel ihr nach wie vor schwer.

„Aber sicher. Je wichtiger deine Position bei Meyendahl ist, umso weiter vorn sitzt du. Der Tisch vom Chef ist da.“ Sie zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung Bühne. „Der Meyendahl sieht so heiß aus und meines Wissens ist er noch Single.“ Lilly schüttelte innerlich den Kopf. Madeleine war bekannt dafür, dass sie kein Kostverächter war. In der kurzen Zeit, in der sie zusammen gearbeitet hatten, hatte sie Bekanntschaft mit mindestens drei Männern geschlossen und angeblich war das Kennenlernen jedes Mal ziemlich ausgedehnt worden.

Doch es hatte sich selbst bis zu Lilly herumgesprochen, dass Christopher Meyendahl zu weiblichen Mitarbeitern professionell distanzierten Abstand hielt. Nie gab es Gerüchte oder Anlass zu Spekulationen. Seine persönliche Assistentin, Patrizia, war die größte Klatschtante im gesamten Unternehmen und wenn es auch nur den klitzekleinsten Verdacht gegeben hätte, wäre diese Information schneller im Umlauf gewesen als die dringlichste Dienstanweisung.

 

Langsam füllte sich der Saal. Am Tisch nahmen noch sechs weitere Personen Platz, die Lilly allesamt nicht kannte. Ihr Tischnachbar zur rechten stellte sich als Horst Westmann vor, Mitarbeiter in der IT-Abteilung. Er war Mitte vierzig und unterhielt von Beginn an den ganzen Tisch mit Anekdoten seines kleinen Sohnes. Auf der anderen Seite saß ein Herr, vermutlich kurz vor dem Rentenalter, und bestellte innerhalb kürzester Zeit sein zweites Bier.

Zum Glück ist Madeleine hier, vielleicht können wir nach dem Dessert die Sitzordnung aufheben und nebeneinander sitzen, dachte Lilly.

Nach der Vorspeise, einem grünen Salat mit Lachsstreifen, folgte eine Ankündigung durch Patrizia, ihres Zeichens Moderatorin des heutigen Abends.

„Einige unserer jungen Praktikanten werden jetzt rote Lose für die Damen und blaue für die Herren verteilen. Was es mit ihnen auf sich hat, geben wir später bekannt. Bitte bewahren Sie Ihr Los gut auf.“ Sie schaltete das Mikrofon wieder aus und verließ die Bühne, um sich an den Tisch zu setzen, an dem auch Christopher Meyendahl saß.

Lilly wagte einen schnellen Blick und konnte selbst auf diese Entfernung nicht verleugnen, dass er durch eine sehr stattliche Erscheinung beeindruckte. Sie verglich ihn mit Männern aus ihrem früheren Umfeld und stellte fest, dass alle durch die gehobene gesellschaftliche Stellung und den beruflichen Erfolg von einer besonderen Aura umgeben waren.

Herr Westmann riss Lilly mit seinem Gerede aus ihren Gedanken. Er konnte sich nicht verkneifen, seine Vermutungen bezüglich der Lose in peinlicher Art und Weise kundzutun, und lachte über seine Spekulationen selbst am lautesten. Für Lilly bekam der Begriff des Fremdschämens eine völlig neue Bedeutung. Über den Tisch hinweg tauschte sie mit Madeleine genervte Blicke und beschloss, dass dieser Abend für sie so bald wie möglich enden würde.

 

Als der Hauptgang serviert wurde, stieg langsam die Nervosität des jungen Firmenchefs Christopher Meyendahl. In den letzten Jahren war er zwar auf verschiedenen gesellschaftlichen Veranstaltungen gewesen, aber die Rolle des Gastgebers lag ihm nicht.

Chris hatte den Ruf eines knallharten Verhandlungspartners, ein untrügliches Gespür für neue Märkte und sein Weitblick erwies sich mehr als einmal als äußerst vorteilhaft für das Unternehmen. Während einer Veranstaltung wie dieser im Rampenlicht zu stehen, zu wissen, dass unzählige Augenpaare auf ihm ruhten, ließ ihn allerdings unruhig werden. Repräsentative Auftritte lagen ihm nicht. Chris saß lieber am Verhandlungstisch. Mit Grauen dachte er daran, was ihn nach dem Essen erwartete. Langsam spießte er die letzten Reste der Tomaten-Mozzarella-Dekoration von seinem Teller auf die Gabel und bildete sich ein, dadurch noch etwas Zeit schinden zu können.

Aber die Organisatoren des Abends hatten kein Erbarmen und kündigten die obligatorische Rede des Unternehmenschefs an, sobald die letzten Teller von den Tischen entfernt worden waren.

Chris lobte in seiner kurzen Ansprache die Beschäftigten für ihr Engagement, bezeichnete die Auftragslage den Ansprüchen des Unternehmens entsprechend als positiv und verabschiedete einige Kollegen unter anhaltendem Applaus mit kleinen Präsenten in den Ruhestand.

 

Der nächste Programmpunkt beendete den offiziellen Teil des Abends.

„Wir möchten Sie nun bitten, die Lose hervorzuholen. Wenn Ihre Losnummer genannt wird, kommen Sie nach vorn auf die Tanzfläche. Die Besitzer gleicher Losnummern bilden jeweils ein Paar“, verkündete Patrizia, nachdem Lilly ihren Gaumen mit einer optisch sehr ansprechend angerichteten Portion Vanilleeis mit heißen Himbeeren verwöhnt hatte. „Es wird Zeit für den ersten Tanz.“

„Genial!“ Madeleine setzte sich plötzlich aufrecht hin.

„Kann ich nicht gerade behaupten.“ Lilly ließ sich auf ihrem Stuhl nach hinten fallen. Tanzen war nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung, schon gar nicht in ihrer derzeitigen Aufmachung. Solange sie in ihrem Kleid nur sitzen und sich nicht großartig bewegen musste, war alles gut. Leider sah es im Moment nicht so aus, als könnte sie sich drücken.

Auch den anderen Anwesenden im Saal wurde sehr schnell bewusst, was es mit den verschiedenfarbigen Losen auf sich hatte. Eine Mischung aus Stöhnen, Jubel, Klatschen und ungläubigem Gemurmel ging durch die Menge.

Wenn sich alle Paare gleichzeitig auf der Tanzfläche bewegen sollen, kann das nur bedeuten, dass ein langsames Lied von der Live-Band gespielt wird, dachte Lilly. Ihre Anspannung stieg. Die Nähe zu einem höchstwahrscheinlich unbekannten Mann behagte ihr nicht. Nach und nach wurden aus allen Beteiligten mit gleicher Losnummer Tanzpartner, unabhängig von Alter, Abteilung oder Hierarchie. Manche waren sichtlich entzückt, einige fügten sich stumm ihrem Schicksal, andere hofften offensichtlich, dass die Minuten der Qual möglichst schnell vorüber waren.

„Die Besitzer der Lose mit der Nummer achtundvierzig – Sie bilden unser nächstes Paar“, fuhr Patrizia enthusiastisch mit ihrer Moderation fort.

„Achtundvierzig, das bist du!“ Lilly zuckte zusammen, als Madeleine sie anstupste. „Mal sehen, mit wem du dich vergnügen darfst.“ Sie kicherte und Lilly verzog gequält das Gesicht.

Zögerlich bewegte sich Lilly auf den Punkt zu, an dem alle Paare zusammenfanden. Als es plötzlich ruhiger im Saal wurde, beschlich sie eine nervöse Unruhe. Lilly strich sich das Kleid glatt und ließ ihren Blick suchend über die Wartenden gleiten.

 

Chris hoffte inständig, dass seine Partnerin eine halbwegs passable Figur auf dem Tanzparkett abgeben würde, den Rest erledigte er dann schon. Seinen ersten Tanzkurs hatte er mit fünfzehn besucht und seither bewegte er sich lieber bei einem gefühlvollen Rhythmus, bevor er belanglose Konversation betreiben musste. Sein Blick wanderte über die Menge und blieb kurze Zeit später an einer Frau hängen, die sich auf ihrem Weg nach vorn sichtlich unwohl fühlte. Ihr Gang war geprägt von Widerwillen und Resignation, kein Anzeichen von Vorfreude, kein Lächeln auf den Lippen.

Na, das kann ja heiter werden, dachte er. Sie kam direkt auf Patrizia zu und drückte ihr kommentarlos das zerknüllte Los in die Hand.

„Darf ich Ihnen Ihren Partner für den Eröffnungstanz vorstellen?“

 

Lillys Blick blieb an der großen Gestalt mit kurzen, schwarzen Haaren und tief dunklen Augen hängen. Ihre Gesichtsfarbe änderte sich binnen Sekunden von aufgeregtem Zartrosa in erschrockenes Kalkweiß.

„Christopher Meyendahl.“ Patrizia zeigte unnötigerweise auf den Mann, den jeder hier im Saal kannte. Jetzt war auch klar, warum sich diese wachsende Neugierde über die anderen Gäste gelegt hatte. Jeder war erpicht darauf, zu erfahren, welche der Damen das große Glück besaß, mit dem attraktiven, jungen Chef des Unternehmens tanzen zu dürfen. Lilly schluckte und starrte viel zu lange auf die ihr dargebotene Hand. Chris zog amüsiert die Brauen hoch.

„Äh … Lilly … ähm … Entschuldigung. Elisabeth Amund.“ Sie spürte eine warme Hand an ihrer und lächelte ihren Chef gezwungen an.

„Freud mich Sie kennenzulernen, Lilly.“ Er versuchte vergeblich, seine Belustigung zu verbergen. Seine Partnerin für den ersten Tanz sah so süß und gleichzeitig so gestresst aus. In seinen Augen funkelte es übermütig und seine Finger umschlossen noch immer die ihren. Ihm war nur allzu bewusst, dass er ihr Unbehagen damit noch steigerte, doch ein wenig Vergnügen stand ihm zu, beschloss er und wandte sich an seine Assistentin. „Danke, Patrizia, wir kommen ab jetzt allein zurecht.“

Einen kurzen Moment musterte sie Lilly, nickte dann und kümmerte sich um weitere Paare.

„Tut mir leid. Ich …“ Lilly wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Maximal fünf Minuten, dann war es vorbei und sie konnte endlich nach Hause. Sie atmete tief durch und ergab sich freudlos ihrem Schicksal.

„Also, Lilly. Können Sie für einen Tanz vergessen, dass ich der Chef bin?“ Chris musterte sie abwartend.

Dass er sie einfach so beim Vornamen nannte, irritierte Lilly. Sie beschloss aber, nicht weiter darauf einzugehen.

„Natürlich. Nur ein Tanz, kein Problem.“ Ihre Stimme klang selbstsicher und so langsam hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

„Dann ist ja gut. Wollen wir?“ Lilly hakte ihren Arm an seinem ein und ließ sich auf die Tanzfläche führen.

Sie war es gewohnt, eine Rolle zu spielen, den Erwartungen gerecht zu werden. Lilly schaltete auf Automatik und sofort dröhnten die verhassten Worte ihrer Mutter im Ohr, die sie von klein auf kannte: „Elisabeth, du weißt, dass alles, was du tust, auf deinen Vater und mich zurückfällt.“ Wie sehr ihr dieser Satz zuwider war.

 

Just in dem Augenblick als sie in Position standen, begann wie auf Knopfdruck eine seichte Melodie zu erklingen. Die Streicher setzten an, die Blechbläser stimmten gefühlvoll mit ein und ohne darüber nachzudenken, machten Chris und Lilly ihre ersten Schritte, so als hätten sie nie etwas anderes getan.

Lilly ließ sich trotz ihrer anfänglichen Skepsis leicht führen und Chris quittierte das mit einem ehrlichen Lächeln. Im ersten Augenblick hätte er nicht vermutet, dass diese kleine, unscheinbare Person so perfekt in seinen Armen liegen würde. Sie besaß eine sportliche Figur und gehörte offensichtlich nicht zur Gruppe der vom Magerwahn gezeichneten jungen Frauen. Ihr Körper fühlte sich unter seinen Händen ausgesprochen gut an. Ein zarter Duft nach Vanille und Mandel verbreitete sich immer dann besonders intensiv, wenn er sie in eine der vielen Drehungen zog. Und dieses Phänomen gefiel ihm.

Während der gesamten Dauer des Tanzes wechselten sie nicht ein Wort miteinander, musterten sich jedoch auffällig unauffällig. Nachdem die letzten Töne des Liedes verklungen waren, wollte Lilly sich aus den Armen ihres Gegenübers zurückziehen, doch Chris ließ das nicht zu. Aus einem spontanen Bedürfnis heraus, das seinen eigenen Regeln widersprach und das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Gerede führen würde, hielt er Lilly sanft, aber bestimmt fest. Mit überrascht geweiteten Augen sah sie ihn an, während in seinen pure Verwirrung stand.

„Das war die Pflicht, jetzt kommt die Kür.“ Und schon bewegte er Lilly von Neuem über das Parkett.

„Sie tanzen sehr gut“, fühlte sich Lilly genötigt zu sagen, um überhaupt etwas zu erwidern. „Aber Sie müssen keinen weiteren Tanz mit mir tanzen. Das Protokoll sieht das ganz sicher nicht vor, also wenn Sie lieber …“ Er unterbrach sie, indem er eine gewagte Drehung vollzog und Lilly intuitiv nach Luft schnappte und nicht weiterreden konnte. Ihm brachte diese Aktion einen bösen Blick ein und ihr einen deutlich festeren Griff an der Taille.

„Sie bewegen sich aber auch sehr gekonnt“, lobte Chris. Sie lächelte als Antwort und musste sich bemühen, auf die Schrittfolgen zu achten. Die Nähe zu ihrem Chef löste ein Kribbeln auf ihrer Haut aus und die Tatsache, dass seine Hand auf einer Körperregion lag, wo er durchaus fühlen konnte, dass sie das Essen liebte, ließ sie zusätzlich unter Spannung stehen.

„Alles in Ordnung?“ Er hatte offenbar bemerkt, dass Lilly nicht mehr so locker wie zuvor seinen Bewegungen folgte.

„Alles gut. Ist nur ziemlich warm hier drinnen.“ Das stimmte zwar, war aber trotzdem eine faule Ausrede. „Danke für den Tanz, Herr Meyendahl, und einen schönen Abend noch.“ Lilly trat einen Schritt nach hinten, als die Musik verstummte, drehte sich um und steuerte direkt auf ihren Platz zu. Sie schnappte ihre Tasche und verließ, ohne auf die neugierigen Blicke der Anwesenden zu achten, das Restaurant.

~~~~~

Das restliche Wochenende gestaltete sich entspannt. Am Samstag hatte Lilly für ihre Verhältnisse lange geschlafen, weit nach zehn Uhr einen ausgiebigen Stopp im Bad eingelegt und sich anschließend in einer kleinen Bäckerei in der Nähe ein süßes Frühstück gegönnt. Die Sonne schien am wolkenlosen Himmel und ihre Gedanken verirrten sich zum wiederholten Male zum gestrigen Abend. Es war sehr lange her, dass sie sich in der Nähe anderer so wohl gefühlt hatte. Eigentlich war es ja nur ein Anderer. Sie verbot sich weitergehende Hirngespinste, konnte aber nicht verhindern, dass ein attraktiver Mann mit freundlich funkelnden Augen und einem schwarzen Haarschopf in ihren Erinnerungen eine Rolle spielte. Lilly schüttelte über sich selbst den Kopf. Christopher war als Erstes ihr Chef, außerdem viel zu gut aussehend und schlichtweg unerreichbar. Aber genossen hatte sie die kurze Zeit mit ihm trotzdem und das war ja zum Glück noch im Bereich des Erlaubten.

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